Georg Rudolph im Selbstinterview

Über Kommunikation im ÖPNV

 

Interviewer: Herr Rudolph, fahren sie gerne mit Bus und Bahn? Erzählen Sie doch mal von sich.

GR: Am liebsten fahre ich Rad. Aber wenn es um Kommunikation geht, stehen bei mir Anbieter von ÖPNV-Technologie ganz oben auf der Like-Liste.

Interviewer: Warum?

GR: Was mich in diesem Feld am meisten interessiert, sind die spezifischen Zusammenhänge der ÖPNV-Technologie. Dazu kommt meine Leidenschaft, Systeme zu durchdringen. Alles, was komplex ist und erst verstanden werden muss, bevor es kommunikativ aufgewertet werden kann, finde ich reizvoll. Was mich als Mensch ausmacht, ist die Mischung aus Sprache und Kreativität. Dazu kommt ein Dienstleister-Gen, das bei mir ab Werk eingebaut ist und besonders auf Technologiethemen anspringt. Der öffentliche Nahverkehr ist bei all diesen Aspekten besonders ergiebig.

Interviewer: Das müssen Sie genauer erklären. Die Branche betreibt ja keine Raketenwissenschaft.

GR: Für den Weltraum nicht, aber für die Gesellschaft. Wenn Steuergelder in den öffentlichen Nahverkehr fließen, dann werden Tatsachen für die nächsten 10 bis 15 Jahre geschaffen. Anbieter von ÖPNV-Technologie gestalten persönliche Autonomie und Teilhabe durch technische Komplexität. Das geht weit über normale B2B-Kommunikation hinaus.

Interviewer: Inwiefern? Auch ein Technologieanbieter im öffentlichen Nahverkehr muss Verhandlungsmasse aufbauen, um sich gegen Wettbewerber zu platzieren und für möglichst wenig Budget möglichst viel bieten: Qualität, Leistungsumfang, Zeitersparnis, Entlastung. Am Ende muss man Verhandlungen gewinnen.

GR: Gewiss. Nur haben technische Lösungen im öffentlichen Nahverkehr viel direkter mit gesellschaftlicher Realität zu tun als viele andere B2B-Produkte. Gut gemachte Mobilität ist gelebte Freiheit. Ein Anbieter in diesem Umfeld verkauft nicht nur Software, Systeme oder Integration. Er verkauft auch gesellschaftliche Gegenwart und Zukunft, die für alle direkt und öffentlich erlebbar ist: in Fahrzeugen, an Haltestellen, in Leitstellen, in Apps, in der Disposition, im Back Office. Gegenwart und Zukunft sind hier kein Gerede, sondern konkrete technische Lösungen, die heute funktionieren und dauerhaft Bestand haben.

Interviewer: Ohne "Gerede" darüber reden? Wie soll das gehen?

GR: Technologie muss perspektivisch schlüssig sein und die Handhabung muss für Betreiber machbar sein. Das ist Ingenieursleistung. Daraus entstehen Sicherheit, mobile Verlässlichkeit, Umweltverantwortung und operative Stabilität. Dann hat die ÖPNV-Technologie Antworten geliefert. Diese müssen aber ausformuliert werden – das ist meine Leistung. Politische Erwartungen, Ausschreibungslogik und öffentliche Rechtfertigung sind da noch gar nicht eingerechnet.

Interviewer: Wenn sich eine Kommune verrechnet hat, kann auch die beste Technologie nichts mehr retten.

GR: Wenn sie bereits implementiert ist, kann gute Technologie trotzdem Perspektive liefern. Verlässliche, betriebssichere, gut integrierte Systeme können Handlungsspielräume offenhalten. Oder schlicht: zuverlässig laufen – was schwierig genug ist. Das ist das Besondere am ÖPNV: Gesellschaftliche Relevanz lässt sich dort tatsächlich in Fahrzeuge, Haltestellen, Datenflüsse, Disposition und Back-Office-Prozesse einbauen.

Interviewer: Und warum sollten solche Anbieter Ihre Dienste brauchen? Ist deren Kommunikation so schlecht? Was würden Sie verbessern?

GR: Sie wollen mich also beauftragen oder anstellen?

Interviewer: Da fragen Sie den Falschen. Ich bin doch Sie. Am Ende geht es darum, ob Sie liefern, was gebraucht wird. Und zwar günstiger oder besser als andere. Sprache? Da gewinnt die KI. Kreativität? Überbewertet – das sind Ingenieursunternehmen. Es wird eng, Herr Rudolph.

GR: Perfekt. Wenn es eng wird, muss erst recht jemand da sein, der es lösen kann. Wäre Text nur Sprache, müsste KI nicht so sorgfältig geprüft werden. Und wäre Kommunikation nur Kreativität, wäre es Kunst. Bei ÖPNV-Technologie geht es um etwas anderes: Man muss komplexe technische Lösungen so vermitteln, dass Klarheit entsteht und bei den Menschen ankommt – im Unternehmen, beim Betreiber, in der Kommune, im Vertrieb, bei denen, die damit arbeiten oder sich dafür bewerben. Mich interessiert das sehr. Die KI interessiert gar nichts.

Interviewer: Herr Rudolph, vielen Dank für das Selbstgespräch.

Über Vertrauen, Wolle und das Vorausdenken mit einem "Spinner"

 

Interviewer: Herr Rudolph, verstehe ich das richtig: Sie sagen von sich selbst, Sie wären ein Spinner? Ob das vertrauenserweckend ist für einen Unternehmer, der einen Kommunikationsexperten sucht ...

GR: Auf Vertrauen habe ich nur begrenzt Einfluss. Vertrauen ist eine Gabe. Man muss es schenken. Erfolgreiche Unternehmer wissen, dass sie manchmal jemandem vertrauen müssen. Wer aufmerksam liest, übersieht auch die Gänsefüßchen bei „Spinner“ nicht.

Interviewer: Man kann sich Vertrauen auch verdienen.

GR: Natürlich. Das Geschäftsleben basiert auf Versuch und Erfolg. Oder Misserfolg. Wenn ich der Falsche bin, merkt der Unternehmer das sehr schnell – oder ich selbst. Und wer im Leben wirklich Erfolg gehabt hat, wird durchaus auch ein bisschen rumgesponnen haben. Ich verwende einfach gerne bildhafte Sprache.

Interviewer: Was spinnen Sie denn so für Ihre Auftraggeber?

GR: Zuerst brauche ich Wolle.

Interviewer: Sie meinen Inhalte.

GR: Eher inhaltliche Substanz. Und dann brauche ich Haken.

Interviewer: Jetzt steige ich gleich aus.

GR: Ihre Entscheidung. Sie können mir Vertrauen schenken oder aussteigen.

Interviewer: Also gut. Haken, Wolle – was meinen Sie damit?

GR: Es geht darum, zu neuen Möglichkeiten zu kommen. Vielleicht bei Marktveränderungen. Vielleicht bei Strukturveränderungen im Unternehmen. Vielleicht richtet sich ein Unternehmen inhaltlich neu aus und muss überlegen, was das bedeutet: für Kunden, Partner, Mitarbeiter. Unternehmer sind permanent in solchen Prozessen. Natürlich sprechen sie mit Mitarbeitern und Vertrauenspersonen. Viele Entscheidungen werden trotzdem alleine getroffen. Manchmal hat man Zweifel. Dann sucht man nach Substanz, nach guten Haken, an denen man Gedanken festmachen kann. Denksicherheiten sozusagen.

Interviewer: Es geht also um Denkimpulse.

GR: Und um Spiegelung von außen. Oft braucht man eine Position und Kriterien, nach denen man entscheidet und handelt. Es geht um Sicherheit. Um die Gewissheit, dass man richtig liegt – oder in gewissen Punkten eben nicht. Ich spinne im Gespräch mit den Gedankenfäden, die mir mein Gesprächspartner zukommen lässt.

Interviewer: Sie nehmen als Außenstehender dem Unternehmer die Denkarbeit ab?

GR: Nicht abnehmen. Ergänzen. Ich denke mit ihm anders: Thinking Forward. Wir sprechen über ein substantielles, strategisches oder kommunikatives Thema. In Unternehmen sind Denkprozesse oft kompliziert, weil im Alltag vieles wichtig ist oder wichtig zu sein scheint. Manche Themen sind inhaltlich und sprachlich anspruchsvoll. Einen Unternehmens-Purpose treffend beschreiben zum Beispiel. Ich vernetze und verbinde Gedanken anders als ein Mitarbeiter. Im Grunde arbeite ich konzeptionell: Ich finde heraus, was es bedeutet, wenn etwas gedeutet oder umgedeutet wird. Die Sprache hilft mir dabei. Das ist mein Metier.

Interviewer: Und alles ohne PowerPoint-Präsentation, Vorträge, Workshops, Werbeblabla und Wortverdreherei?

GR: Nix dergleichen. Zuerst höre ich sehr lange, sehr genau zu. Was ich tue, hat oft direkt mit Sprache zu tun. Das ist Präzisionsarbeit. Zum Beispiel der Begriff „Qualität“. Wenn Qualität für ein Unternehmen wichtig ist, kann es eine immense Herausforderung sein, diese leere Worthülse im ganz speziellen Fall mit Sinn zu füllen. Sprache ist das Haken- und Wandmaterial, um Gedanken richtig daran aufzuhängen. Worte können alles.

Interviewer: Ein Beispiel bitte.

GR: Ich rede nicht über meine Auftraggeber.

Interviewer: Ich denke, Sprache kann alles?

GR: Sie sind ja hartnäckig.

Interviewer: Kein Wunder, ich bin ja Sie.

GR: Okay, ich versuch’s. Viele Unternehmen haben eine eigene Sprache für ihre ganz eigene Wolle. Sie sagen dann so etwas wie: „Das Ding muss auf die Straße.“ Gemeint ist vielleicht eine konkrete technische Dienstleistung im Bauwesen. Seit Jahren bringt ein Unternehmen das gleiche Ding auf die Straße. Sehr erfolgreich. Das Business funktioniert, die Sprache auch. Dann läuft es schlechter. Irgendetwas hat sich geändert. An dem "Ding", dem "Wir", dem "auf", der "Straße" oder dem "bringen" ist etwas anders als früher. Die Sprache ist gleich geblieben.

Interviewer: Das ist doch nur ein Spruch. Die Entscheider beschäftigen sich doch konkret mit dem Problem.

GR: Gewiss. Jeden Tag. Trotzdem klappt es nicht so, wie sie sich das wünschen. Je mehr im Unternehmen darüber konkret gesprochen wird, desto weniger entstehen neue Lösungswege. Was bleibt, sind Sprüche.

Interviewer: Und worin bestand Ihre Leistung?

GR: Wir haben im Gespräch festgestellt, dass der Unternehmer für die Akquise einer bestimmten Dienstleistung, die das Zugpferd seines Geschäfts darstellt, kaum noch persönliche Motivation besitzt. Deshalb hat er bestimmte Akquiseformen nicht vorangetrieben. Im Grunde kam er selbst auf die Lösung: operativ nur noch das Nötigste für den ungeliebten Fachbereich tun, einen kompetenten Vertreter einsetzen und jemanden finden, der neue, motivierende Akquisekonzepte entwickelt.

Interviewer: Hat der Unternehmer keinen Marketingfachmann, keinen Coach?

GR: Nein. Das Unternehmen ist viel zu klein. Außerdem coache ich nicht. In diesem Fall stand ein persönlicher Aspekt dahinter. Ich könnte auch Beispiele zu Standortfragen nennen, zur Unternehmensphilosophie oder zu einer Rede, die in 15 Minuten ein halbes Dutzend Themen auf den Punkt bringen muss. Miteinander sprechen, also Sprache, kann helfen, die Dinge neu zu denken, zu verstehen und zu beschreiben.

Interviewer: Also doch Worte verdrehen?

GR: Anders sprechen. Wenn man anders über das Bekannte spricht, erscheint es in einem neuen Licht. In Unternehmen ist es oft schwer, auf verschiedene Art über den Job, die Sache, das Eigene zu sprechen. Die speziellen Methoden, Prozesse, Regelungen und die dazugehörige Sprache können ein Unternehmen einzigartig machen. Und einen Marktvorteil erzeugen. Wenn der in Gefahr ist, reagieren Unternehmen oft operativ. Die Sprache läuft einfach weiter.

Interviewer: Deutsch kann doch jeder.

GR: Wir können unsere Sprache – und manchmal auch unser Denken – nicht immer so schnell und klar an den Wandel anpassen, wie es nötig wäre. Die Bedeutung hinter den Worten wandelt sich bei unternehmerischen Veränderungen mit. Das Neue richtig benennen zu können, ist dann eine echte Aufgabe. Oft fehlt die Zeit dazu. Meistens merkt man auch nicht sofort, dass es nötig wäre, einfach mal mit jemandem 'anders zu sprechen'.

Interviewer: Welche Ergebnisse können Sie einem Auftraggeber zusagen?

GR: Ich bin kein Dosenöffner, aber ich zeige, wo man einen ansetzen könnte. Oder der Unternehmer kommt selbst darauf. Ich höre zu, daraus entwickelt sich ein Gespräch. Danach erstelle ich Konzeptpapiere, Narrative, Logic Flows, Leitgedanken. Kurz. Maximal drei Seiten, sehr selten mehr. Darin findet der Auftraggeber weiterführende Ideen, neue Gedanken, methodische Vorschläge, manchmal auch den Hinweis auf einen notwendigen Paradigmenwechsel. Alles auf Basis unseres Gesprächs.

Interviewer: Ein bisschen plaudern, ein Konzeptpapier und das Problem ist gelöst?

GR: Nein. Ich maße mir keine fertigen Lösungen an. Ich mache Vorschläge. Unternehmer haben die Chance, mit mir ein spezielles Thema zu besprechen, ohne Arbeitszeit im Unternehmen zu binden. Es muss nicht immer um Kommunikation und Markenstrategie gehen. Auch wenn ich darin am besten bin und tatsächlich beraten kann. Oft reicht Klarheit. Wenn daraus eine Lösung erkennbar wird, umso besser.

Interviewer: Dass Ihnen konkretes Branchenwissen fehlt, ist kein Handicap?

GR: Für diese Art Gespräch kann es ein Vorteil sein. Der Unternehmer bucht mich ja nicht, weil er sich fachlich über Wolle, Schafe, Wiesen, Schurwerkzeuge, Stallgerüche oder Spindeltechnologie unterhalten will. Dazu hat er seine Mitarbeiter. Er kommt mit seiner Wolle nicht voran und sucht jemanden, der unvoreingenommen fragt, neue Ansätze findet oder die Sackgasse erkennt. Und zack, sind wir bei Rumpelstilzchen.

Interviewer: Wie kommen Sie auf Rumpelstilzchen?

GR: Rumpelstilzchen weiß, wie man mit einer Spindel aus Stroh Gold macht. Er hat andere Ziele. Das ist ein echter Spinner. Und sein Preis ist viel zu hoch.

Interviewer: Wie teuer sind Sie denn?

GR: Mein Involvement ist zeitlich begrenzt, also finanziell überschaubar. Und Macht habe ich auch nicht. Ich bin eher der fremde Jägersmann, der herausfindet, wie Rumpelstilzchen heißt, um ihn aus dem Spiel zu nehmen. Sprache eben.

Interviewer: Sie meinen mit 'Spinnen' also anders denken. Sie hängen Substanz an sichere Haken und machen Jagd auf falsche Sprache. Planmäßiges Arbeiten sieht anders aus.

GR: Dafür hat mein Auftraggeber sein Unternehmen. Ich bin der mit dem Blick von außen, der Gedanken neu vernetzt und Impulse gibt. Das Märchen ist nur ein Bild: Alle hocken im Schloss, glauben an den faulen Zauber vom Goldspinnen und machen sich das Leben schwer. Dann wird einer eingeweiht, der nach Antworten suchen soll. Weil er Wege geht, die sonst keiner geht, findet sich die Lösung. Das ist Thinking Forward.

Interviewer: Herr Rudolph, vielen Dank für das Selbstgespräch.